Bauarbeiten

27.10.2009 | Neuigkeiten

Ein Land im Abriss. Ein Land im Aufbau. China, ein Land im Umbruch.

Herrlich wie öffentlich Rechtlich ich hier heute wieder Titelthesen formuliere. Wieso arbeite ich eigentlich nicht beim ZDF und drehe pseudo-anspruchsvolle Dokumentationen über fremde Länder? Gut, dann schreibe ich darüber. Vielleicht will es die Süddeutsche ja dann drucken.

Wir gingen hier die letzten Tage durch die Straßen und fragten uns, ob in diesem Land eigentlich jemals “alles fertig” ist. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass es wahrscheinlich an dem Tag, an dem das letzte alte Gebäude durch ein neues ersetzt wurde, einfach wieder von vorne losgehen wird. Quasi so eine Art Baustoffrotationsprinzip im Hundert-Jahre-Rhytmus.

Denn ich kann mir dieses Land ohne lärmende Baustellen gar nicht vorstellen. An jeder Ecke wird in großem Stil abgerissen oder bereits wieder aufgebaut. Übrigens ist es hin und wieder gar nicht so einfach zu erkennen, um welchen Bauabschnitt es sich gerade handelt. Da muss man dann schon einmal genauer hinschauen um zu erkennen, aus welchem Grund Kabelstränge und Rohrenden nun aus halbhohen Wänden hervorstehen.

Ein bisschen denke ich mir dann manchmal, dass es ungefähr so ausgesehen haben muss, damals, als mein Opa nach dem Krieg eine Wand nach der anderen mauerte. Gut, nur nicht so chaotisch. Und ich glaube mein Opa hat hin und wieder mal professionelles Werkzeug benutzt wie eine Wasserwaage. Aber hier klappt es auch gut ohne. Da wird eine Treppe einfach fix nach Augenmaß mit neuen Steinen verkleidet. Und ich muss sagen: Ich bin die Probe gelaufen, meine Füße merkten keine Eichabweichungen. Top!

Das Titelbild oben sieht, wie mir gerade auffällt, auch ein bisschen nach “zweiter Weltkrieg” aus. Es ist aber einfach nur eine Ruine gegenüber vom Campus. Im Hintergrund kann man bereits Kräne erkennen, die Neues ankündigen. Ich habe leider gerade kein freundlicheres Baustellenfoto da.

Wer jetzt übrigens denkt, dass in China schon jede jemals erfunde Baumaschine einzug gehalten hätte, weil man sie ja hier sicher günstig bauen könnte, der irrt. Schwere Maschinen werden hier in der Regel durch Chinesen ersetzt. Ich erwähnte ja bereits, dass es sehr viele von ihnen gibt. Ich finde es gut, dass dieses Land noch so weit davon entfernt ist einen Arbeitsplatz nach dem nächsten durch billigere Maschinen zu ersetzen. Liegt aber wohl auch daran, dass Maschinen hier nicht billiger sind.

In Peking gingen wir einmal durch ein Viertel, in dem man auf der Straße Zement mit einer Schaufel auf dem Asphalt mischte. Das klingt jetzt nach Rückschritt, hat aber irgendwie auch einen ganz eigenen Charme, der einen weit weg von dieser technologisierten Twitter-iPhone-Web-Welt führt. Es ist vielleicht auch einfach einmal ein Denkanstoß.

An einem unserer ersten Tage hier in Xi’an haben wir noch gestaunt, als ein faustdickes Kabel im Boden verlegt wurde und eine Kette von 15 Chinesen dieses schwere Kabel durch die Gegend getragen haben. Nach den vergangenen Wochen in diesem Land ist das ein gewohntes Bild.

Thema Kabel: Wissen wir jetzt eigentlich, was das für Kabel sind, die hier so von Laterne zu Laterne gespannt werden? Neulich wurde mit zehn Leuten ein neues herumgewickelt. Ich glaube das macht man hier einfach, wenn man meint es sei nötig. Ich brauche Strom, also kaufe ich Kabel und wickle es um die anderen. Wir scherzten schon, dass dort wohl jemand einen neuen Telefonanschluss bekommt. Eigentlich haben wir uns aber nur von dem Gedanken ablenken wollen, dass es sich tatsächlich um Stromkabel handeln könnte, die sich eines Tages unter großem Funkenregen selbst zerstören.

Es ist für mich auch ein großes Rätsel, wie die fleißigen Chinesen es hier schaffen, nicht einstürzende Gebäude mit 50 Stockwerken zu bauen, wenn sie scheinbar planlos drauf los bauen. Aber gut, das denken wir Außenstehende von Ameisen ja auch…

Für euch zum Mitschreiben hier noch einmal die Zusammenfassung meiner kleinen Baudokumentation: In diesem Land wird gebaut, an jeder Ecke. Fährt man einmal mit dem Taxi aus der Stadtmitte raus, dann kommt man an einem entstehenden Wolkenkratzer nach dem anderen vorbei.

Und einen Unterschied gibt es noch zu meinem Maurer-Opa: Die chinesen tragen keine gelben Baustellenhelme. Sicherheit am Bau wäre ja irgendwie inkonsequent, wenn man sich im Auto auch nicht anschnallt.

So, abschließend rücke ich noch heraus, wieso ich überhaupt über Bauarbeiten schreibe. Ihr habt es bemerkt, auch hier im Blog haben die letzten Tage welche stattgefunden, weshalb neue Beiträge vitaminerhaltend auf Eis gelegt wurden. Jetzt sollte alles so gut wie frisch gestrichen sein! Und weil ich diesen Hinweis nett verpacken wollte, habe ich euch heute ein wenig über Baustaub geschrieben.

Das war jetzt auch irgendwie so rein gar nicht subtil von mir. Ich sollte das ZDF anrufen.

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3 Kommentare

  • Paul

    …wenns keiner schreibt, mache ich halt den Anfang:

    Ich finde die neue Seite sieht sehr gut aus!!!

    Sehr viel Liebe zum Detail, aber so biste halt ;-)

    27.10.2009, 22:11 Uhr

  • Marvin

    Es schreibt keiner, aber ganz Deutschland denkt es. :-)

    28.10.2009, 01:16 Uhr

  • Julian

    Da muss ich auch meinen Senf zuquetschen: Habe den Meister bereits höchstpersönlich (naja, so gut es halt über diese 3k Kilometer geht) für das letzte Upgrade gelobt! Aber ich durfte ja auch die pre-0.99 er Version bestaunen, sicherlich ein Privileg.

    29.10.2009, 01:04 Uhr

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